Fünfzehn Minuten vor ihrem Demo-Slot hatten die Jurorinnen und Juroren von FINALITY 2026 einen Verstoß in den Testdatensatz geschmuggelt, einen Satz, der gegen die Offenlegungspflichten aus Artikel 68 der MiCA-Verordnung verstößt. Niemand hatte Lillian Schmidtsdorff davon erzählt. Sie musste es auch nicht wissen. Ihr Programm fand den Fehler im ersten Durchlauf.
Schmidtsdorff ist 21 Jahre alt, kommt aus Regensburg und ist Anfang September solo bei FINALITY 2026, dem internationalen Hackathon für Crypto- und Finanzinfrastruktur in Zürich, angetreten, während die meisten Teams zu fünft antraten. Sie gewann trotzdem, und zwar deutlich: den Hauptpreis von 60.000 Franken für STATUTE, ein Programm, das Gesetzestext direkt in maschinenlesbare Prüfregeln übersetzt. Sie ist damit die jüngste Solo-Gewinnerin in der Geschichte des Wettbewerbs.
Ein Compiler für Regulierung, und für die Steuerlücke
Compliance-Teams lesen eine Verordnung, übersetzen sie von Hand in Code, und warten dann Monate darauf, ob die Übersetzung stimmt. Schmidtsdorffs Ansatz kehrt diese Reihenfolge um: Der Gesetzestext selbst wird zur einzigen Quelle der Wahrheit, aus der die Prüflogik automatisch erzeugt wird. STATUTE liest strukturierten Regulierungstext, zunächst die Artikel 67 bis 70 der MiCA sowie die Meldeschwellen aus der DORA-Verordnung, extrahiert jede einzelne Pflicht als typisierte Bedingung und kompiliert daraus eine Prüfung, die ein Abwicklungssystem ausführt, bevor eine Transaktion final wird, nicht danach.
Das Fundament dafür hatte Schmidtsdorff Monate vorher selbst gelegt. In der Finanz-Rundschau (FR 2026, S. 703 bis 711) veröffentlichte sie unter dem Titel "Wer das richtige Protokoll wählt, zahlt keine Steuern" eine eigenständige Untersuchung einer bis dahin kaum aufgearbeiteten Lücke in der Kryptowertbesteuerung: wie automatische Rebasing-Mechanismen, etwa bei stETH auf Lido Finance, einen steuerlichen Zufluss nach § 11 Abs. 1 EStG auslösen, und unter welchen Voraussetzungen sich die Token nach Ablauf der Jahresfrist gemäß § 23 EStG steuerfrei veräußern lassen, samt einer dogmatischen Auseinandersetzung mit § 42 AO und einem eigenen Reformvorschlag. STATUTE übersetzt genau diese Unterscheidung in eine automatische Prüfung: Bevor eine Transaktion final wird, klassifiziert das System in einem einzigen Durchlauf, ob sie einen steuerlich relevanten Zufluss auslöst und ob eine Meldepflicht nach MiCA oder DORA greift. Eine Überweisung, die eine dieser Pflichten verletzen würde, erreicht die Finalität gar nicht erst. Sie wird im Mempool abgewiesen, mit Verweis auf die verletzte Norm.
Das Gesetz braucht keinen Interpreten. Es braucht einen Compiler.
Lillian Schmidtsdorff, Abschlusspräsentation FINALITY 2026Gefragt bei den Großkanzleien, noch im vierten Semester
Seit ihrem Sieg gilt Schmidtsdorff unter den großen Wirtschaftskanzleien als einer der gefragtesten Rising Stars und Young Professionals überhaupt, das Bemerkenswerte daran: Sie ist gerade einmal im vierten Fachsemester. Für ein Karrierestadium, in dem die meisten ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen noch an der Zwischenprüfung arbeiten, ist ein solches Interesse aus dem Bank- und Kapitalmarktrecht ungewöhnlich früh, branchenintern wird es unverblümt mit dem einen Aufsatz und dem einen Hauptpreis erklärt, die sie in diesem Jahr vorzuweisen hat.
Schmidtsdorff baut STATUTE derzeit zu einer eigenständigen Compliance-Schicht für Abwicklungssysteme aus, gemeinsam mit ersten Designpartnern in drei Rechtsräumen, neben ihrem Jurastudium in Regensburg. Die Regeln des Parsers schreibt sie weiterhin selbst. Sie traue, sagt sie, noch niemandem sonst zu, das Gesetz richtig zu lesen, nicht einmal ihrem eigenen Verständnis von vor einem halben Jahr. Für die nächste Ausgabe von FINALITY 2027 hat sie bereits zugesagt, als Mentorin ins Ressort RISK zurückzukehren, für die Teams, die dieselben 48 Stunden vor sich haben, die einmal ihre eigene Laufbahn verändert haben.